Materie, die sich selbst anglotzt

 

Moritz ist ein Rebell. Oder ein Spinner, wie seine Schwester Mia sagt. Denn er passt sich nicht an, nicht an  strikte Hygienevorschriften, nicht an das Rauchverbot. Er hält nichts von der METHODE, deren Ziel, jedem Einzelnen vollkommene Gesundheit zu garantieren scheinbar Erfolg hat; Grippe ist seit den 2020er Jahren ausgestorben. Er hält nichts von der auf immunologischer Kompatibilität beruhender Partnervermittlung. Eines seiner verbotenen Blinddates, zu denen er sich stattdessen verabredet, läuft allerdings schief, denn er trifft sein Date Sybille tot und mit Spuren einer Vergewaltigung an. Da die Polizei Moritz` DNA an ihr nachweist, ist der Fall geklärt. Der DNA-Test ist schließlich unfehlbar, nicht wahr? Nur Mia glaubt dennoch ihrem Bruder, der beteuert, unschuldig zu sein. Die Ideale Geliebte, Moritz‘ Hirngespinst, teilt seine Werte. Nach diesen Werten will Moritz sich nicht untreu werden. Ein Ausweg aus dem System bleibt: Selbstmord mit Hilfe seiner Schwester, nun im Besitz der Idealen Geliebten. Beide halten an seiner Unschuld fest. Trauernd und nachdenklich lässt Mia Gesundheitsvorschriften schleifen und findet einen Weg, Moritz` Unschuld zu Lasten des Systems zu beweisen. Der Täter ist sein Knochenmarkspender. Sie gerät ins Visier der METHODE und des Journalisten Kramers, der ihr das Geständnis abnötigen will, Terroristin zu sein. Doch auch Mia bleibt sich und ihrem Bruder bis zuletzt treu.

 

Diesen Inhalt galt es bühnenreif aufzubereiten.

 

Wird das anspruchsvoll? Gewiss.

 

Wird es zeitaufwändig werden? Ja, schon. Es wird bestimmt viel Einsatz nötig sein.

 

Den komplexen Inhalt ohne Bühnenbild und Kostüme darstellen? Was ist mit Requisiten? Springseile sind doch totaaal flexibel. Und schwarze Kleidung lenkt den Fokus auf das Wesentliche. Alle gleichgeschaltet – passt doch irgendwie ganz gut.

 

Musik und Licht? Ja, klar, wir sind schließlich die Ästheten, aber wir werden beides nur funktional einsetzen.

 

Wie werden wir die Rollen verteilen? Da fällt uns schon etwas ein.

 

Abstrakte Inszenierung und viele Stilisierungen – wird das Publikum folgen können? Hmm, das wird schwierig.

 

Mit diesen Vorstellungen stürzten wir uns in die Erarbeitung der Szenen. Das bedeutete viele Termine zusätzlich zum regulären DSp-Unterricht, sowohl während der Schul- als auch der Freizeit. Das nahmen die meisten zu Beginn noch hochmotiviert in Kauf. Doch manche Schüler, dem ganzen Projekt gegenüber ohnehin schon skeptisch genug eingestellt, reagierten im Laufe der Wochen und Monate zunehmend missmutig. Da half es auch nichts, dass Herr Stroh uns bereitwillig anbot, uns nach den Terminen die Aula bis elf Uhr zu Verfügung zu stellen, und jemand leise fragte, ob wir dann alle zusammen frühstücken würden. Entgegen der allgemeinen Erwartung machten die meisten Proben dennoch Spaß, auch wenn sie oft sehr mühsam und mitunter zäh waren. Vor allem letzteres machte uns häufig zu schaffen und so wurde der Aufführungstermin nach hinten korrigiert.

 

Zeitaufwand? Unterschätzt! Doch nach und nach nahm unser Vorhaben Gestalt an. Es folgten noch etliche Proben, das heißt etliche Warm-ups, die ihrem Namen alle Ehre machten (Springseilspringen war angesagt). Etliche Male „Augen auf!“ und „Augen zu!“ statt eines sich öffnenden und wieder schließenden Vorhangs. Ganz minimalistisch. Reduziert auf das Wesentliche, so wie Sprache, Musik, Licht und Requisiten in unserem Stück. Und was macht die Rollenverteilung? Die kann warten. Genauso wie die Szenenübergänge.

 

Nach den Sommerferien standen die Aufführungen kurz bevor und es gab immer noch viel zu tun. Das verstärkte unsere Zweifel an einer gelingenden Präsentation. Wir hatten den Überblick über die Szenen längst verloren. Wird das unwissende Publikum dem Stück folgen können? Es zu verstehen, ohne die Romanvorlage gelesen zu haben, hat einen gewissen Anspruch. Es waren also starke Bilder und starke Dialoge für ein verständliches Ergebnis nötig. Daran wurde gearbeitet, bis sich die Aula mit Zuschauern füllte und die Anspannung hinter den Kulissen stieg. Erst nach der wirklich rundum gelungenen Aufführung waren die Zweifel endlich gewichen. Erleichterung und ein gewisser Stolz machten sich breit. Anspruchsvoll? Absolut. Aber es hat sich gelohnt! Neben dem Applaus nahmen wir auch viele wertvolle Erfahrungen mit. Gruppengefühl, Selbstvertrauen/-bewusstsein und unser Verständnis für Theater wurden gestärkt. Die Auseinandersetzung mit der ernsten Thematik war anstrengend aber auch anregend.

 

Ein Dankeschön an Herrn Stroh, der die Szenen mit uns erarbeitete, sowie an die Lehrer, die uns unterstützt haben. Ein Dankeschön auch an das erschienene Publikum und seine großzügigen Spenden. Hoffentlich konnte unser Stück allen einige Denkanstöße liefern.

 

 

 

Katharina F., Q.2e