ERINNERUNGEN EINWECKEN

Was macht die Identität des Menschen aus? Während mein Q1-Religionskurs im Unterricht dieser Frage nachging, hat er für schulischen Unterricht durchaus ungewöhnliche Wege beschritten.


Zu Beginn des Themas wurde am Beispiel an Demenz erkrankter Menschen schnell deutlich, dass eine verantwortliche Rede vom Menschsein nicht voraussetzen sollte, dass ein Mensch nur dann ein richtiger Mensch ist, wenn er ein hohes Maß an Autonomie, Selbstbewusstsein und Rationalität besitzt. Denn dann müssten wir an Demenz erkrankten Menschen konsequenterweise ihr Menschsein absprechen. Geht es im Leben des Menschen also um mehr als um das Ausschöpfen aller menschlichen Möglichkeiten? Inhaltlich lässt sich die Quintessenz der Unterrichtseinheit folgendermaßen zusammenfassen: Menschsein ist mehr als die möglichst umfassende Verwirklichung von Potenzialen. Der Mensch ist ein Beziehungswesen; er wird erst in der Begegnung mit Gott und seinem Mitmenschen zu dem, was er eigentlich ist. Er braucht ein Gegenüber, um seine Identität zu entwickeln, zu erhalten und zu verwirklichen. Er kann sich seine Würde nicht selbst verdienen, sondern jedem Menschen kommt eine unverfügbare Würde von außen zu, die also auch niemandem von irgendeinem anderen Menschen entzogen werden kann. Daraus folgt für uns aber auch ein Gestaltungsauftrag: Wir wollen dafür sorgen, dass jeder Mensch würde- und ehrenvoll leben kann – und das unabhängig von seinen aktuellen Möglichkeiten. An Demenz erkrankten Menschen wollen wir auf Augenhöhe und nicht als defizitären Wesen begegnen. Wir wollen in der Begegnung mit ihnen sein, sodass Bedingungen herrschen, unter denen „zwei Geschichten zu einer Geschichte werden, aufgrund derer die Geschichte des Anderen nicht verloren geht“ (Dominik Becker).

Dieses Ziel verfolgte dann auch der praktische Teil des Projekts: die Geschichte des Anderen in der Begegnung mit ihm nicht verloren gehen zu lassen. Dazu besuchten wir im März ein Alten- und Pflegezentrum in Elmshorn. Die Schülerinnen und Schüler wurden im Regelfall zu zweit einem Bewohner oder einer Bewohnerin des Pflegezentrums zugewiesen und haben diesen dann zum Veranstaltungsort, dem Café des Pflegezentrums, begleitet. Dort wurden dann biografische Gespräche zwischen den Schülern und den Bewohnern geführt. Außerdem wurden mit allen gemeinsam verschiedene Lieder gesungen. Die biografischen Gespräche waren nicht nur für alle Seiten bewegend und interessant, sondern hatten zum Ziel, die Biografie des Bewohners bzw. der Bewohnerin hinterher festzuhalten und sowohl im übertragenen Sinn als auch dem Wortsinn nach einzuwecken. Dazu wurde den Schülern je Bewohner ein Einweckglas zur Verfügung gestellt, das die Schüler nach der persönlichen Begegnung vor Ort in der Folgezeit zu zweit derart gestalteten, dass das Glas ausgewählte Aspekte der Biografie des jeweiligen Bewohners darstellt. Dabei war der Kreativität der Schülerinnen und Schüler keine Grenze gesetzt, was sich in der Vielzahl der verschiedenen Herangehensweisen zeigte: Während ein Glas am Ende von außen äußerst kunstvoll gestaltet verschiedene Stationen im Leben einer Bewohnerin darstellte und innen komplett leer blieb, waren andere Gläser innen mit symbolhaft dargestellten Orten, Vorlieben oder Erlebnissen aus der Biografie der Bewohner gestaltet.

Nachdem die Gläser auch eine gewisse Zeit in der Schule ausgestellt worden waren, sollten sie dann zum Abschluss des Projekts zu ihrem eigentlichen Bestimmungsort: zu den BewohnerInnen des Pflegezentrums. Dort wurden sie dann vor Ort im Rahmen eines weiteren gemeinschaftlichen Besuchs des Kurses im Pflegezentrum feierlich übergeben. Gemeinsames Singen stand ebenso auf dem Programm wie ein ausführlicher Austausch über die Inhalte und die Gestaltung der Gläser. Von der Organisatorin des Projekts auf Seiten des Pflegezentrums, Andrea Lausen, erhielten wir die Rückmeldung, dass jedes einzelne Glas den jeweiligen Bewohner perfekt darstelle und man die investierte Mühe und Liebe in jedem Glas erkenne.

 

An der Durchführung des für alle Beteiligten bewegenden Projekts haben viele Menschen direkt und indirekt mitgewirkt. Sie alle eint das Engagement zur Ermöglichung einer echten Begegnung von Menschen, sodass wir erleben durften, dass Erinnerungen und Geschichten nicht verloren gehen. Ihnen allen möchte ich an dieser Stelle herzlich danken, ebenso dem Verein der Freunde des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen e.V. für die zugesagte finanzielle Unterstützung der Gestaltung der Einweckgläser.

 

C. Lederich