Warum Finnland?

„Warum Finnland?“, werde ich oft gefragt. Mich hat es zufällig dorthin verschlagen, doch im Nachhinein hätte ich es nicht besser treffen können.

 

Mit der Organisation YFU bin ich nach Tampere gekommen, der drittgrößten Stadt Finnlands, in der etwa so viele Einwohner leben wie in Lübeck. Hier durfte ich bei einer sehr netten Gastfamilie mit zwei jüngeren Kindern in einem gelben Holzhaus wohnen.

 

Ich weiß nicht welche Vorstellung ihr von diesem Land ganz weit oben im Norden habt. Vielleicht: Es liegt das ganze Jahr über Schnee, die Sprache ist teuflisch schwer, alle Finnen fahren auf Schiern durch die Gegend, sie sind sehr gut im PISA-Test,  es ist durchgehend dunkel, deswegen sind alle Finnen depressiv? - Ja, im Winter ist es kalt und dunkler als hier, viele Finnen fahren Langlaufski, das Schulsystem ist sehr gut und einige Finnen sind eher still. Doch bestätigen die Ausnahmen die Regel und eigentlich kommt es nur darauf an, nette Menschen zu treffen. Die Theaterschule in Tampere war für mich perfekt!

 

Im finnischen Schulsystem werden alle SchülerInnen bis zur neunten Klasse zusammen unterrichtet. Danach können sie entweder eine Berufsschule oder ein Gymnasium besuchen. Da haben sie die Möglichkeit, sehr viel selbst zu entscheiden. Zum Beispiel, welche Kurse sie neben den Pflichtkursen belegen, welche Lehrer sie haben wollen und wie lange sie auf das Gymnasium gehen möchten (normal sind drei, aber auch dreieinhalb oder vier Jahre sind nicht selten). Da auf meiner Schule neben den normalen Fächern wie Mathe, Geschichte und Deutsch auch Kurse wie Tanz, Film, Kunst, Improvisation, Puppentheater, Rhetorik, Make-Up und Theater angeboten wurden, waren viele SchülerInnen, die länger auf der Schule waren, einfach nur diejenigen, die besonders viele Kurse belegen wollten. Fünfmal im Jahr gab es für jeden einen individuellen sechswöchigen Stundenplan. In der jeweils letzten Woche wurden Theater- und Filmprojekte vorgestellt sowie die Tests geschrieben. Fast alle hatten in dieser Zeit eine Jogginghose an.

 

Die Stimmung auf meiner Schule war unglaublich, da so viele interessante, spezielle, offene und kreative Menschen auf einem Haufen waren. Alle neuen Schüler werden an ihrem ersten Schultag mit Applaus und Händeschütteln empfangen. In der ersten Woche findet ein Aufnahmeritual statt, in dem die Neuen verkleidet werden und den Abiturjahrgang bedienen müssen. Ich war Maggie Simpson, in einem blauen Schlafsack, mit Schnuller und gelben Haaren. In den Freistunden wurde immer irgendwo Musik gespielt. Im gemütlichen Aufenthaltsraum wurde gelernt, auf Sofas geschlafen oder gequatscht. Der Umgang mit den Lehrern war freundschaftlich. Da man sich in Finnland duzt, duzt man auch die LehrerInnen. Es gibt zwar eine Sie-Form, die aber höchstens im ersten Satz mit dem Präsidenten benutzt wird. Viele LehrerInnen wollten mit dem Vornamen angesprochen werden und wenn man den nicht kannte, so hat man einfach „ope“  (Lehrer) gerufen. Meine Schule hatte eine „freundschaftliche Feindschaft“ mit der benachbarten, sprachlich orientierten Schule. In Pausen und nach der Schule gab es manchmal Wasserschlachten, an denen sich viele Schüler beteiligten, und am Ende jedes Schuljahres wurde um einen Pokal gekämpft. Wir haben gewonnen! Die Schüler waren stolz, auf diese Schule zu gehen. Letztes Jahr war ich zu Besuch in Finnland und habe zusammen mit meinen Freunden und dem ganzen Abiturjahrgang auf dem Schulhof gezeltet, um den Schulanfang zu feiern.

 

Natürlich ist ein Austauschjahr nicht immer einfach. Man muss sich anpassen und sein ganzes Leben neu aufbauen: Freunde und Hobbys finden, gegebenenfalls eine ganz neue Sprache lernen (wie in meinem Fall) und sich daran gewöhnen, dass die eigene Familie und alle alten Freunde nicht mehr um die Ecke sind. JA, ich habe tatsächlich Finnisch gelernt. Es hat eine Weile gedauert, aber am Ende meines Jahres hat mich keiner mehr gefragt, wo ich denn herkäme. Darauf bin ich sehr stolz. Glücklicherweise verstehen in Finnland aber auch alle Englisch, denn Filme werden z.B. kaum in die Landessprache synchronisiert, wenn auch einige sich nicht trauen, viel zu sprechen.

 

Man lernt allerdings auch eine Menge Neues. Ein echter Gewinn. Ich habe mit dem Eiskunstlaufen angefangen, Jazztanzkurse belegt, in einem englischen Theater mitgespielt und bin viel durch das Land gereist. Ich habe Rentiere gefüttert, Schlittenhund-Welpen gestreichelt, den „richtigen“ Weihnachtsmann getroffen, der übrigens in Rovaniemi wohnt, Mittsommer am See gefeiert, bin als Osterhexe für Süßigkeiten durch die Gegend gelaufen, bin mit dem Fahrrad, einem Zelt und zwei Freunden über die Åland Inseln geradelt und habe viel gelernt.

 

Mein Auslandsjahr ist nun schon zwei Jahre her. Doch momentan habe ich das Glück, einen finnischen Gastbruder zu haben. Mit ihm kann ich hin und wieder finnisch sprechen und mich immer wieder an meine Auslandszeit zurück erinnern.

Also, wenn einer von euch nach Finnland gehen möchte, nur zu!

 

Olga v. W., Kl. Q2.e