Seensucht nach Schweden

Man könnte meinen, wenn zwei zehnten Klassen eine Jugendherberge in Irland oder ein Zelt in Schweden angeboten wird, fliegen alle lieber nach Irland, um statt auf einer harten Isomatte in einem weichen und vor allem warmen Bett schlafen zu können. Dies war allerdings bei uns nicht der Fall.

 

Wir waren eine Gruppe von 21 Personen, die sich am 26. Mai 2015 zusammen mit Frau Pollin, Herrn Brede und schweren Rucksäcken auf den Weg nach Kiel machte, um die Fähre nach Göteborg zu erreichen.

Nach der Hafenausfahrt ging dann der spaßige Teil der Fährfahrt los:

Karaoke! Da Frau Pollin und Herr Brede nicht glauben wollten, dass wir uns wirklich dazu überwinden würden, vor so vielen fremden Personen und unseren Kameras zu singen, wollten Christoph und Emma es ihnen zeigen und begannen mit dem Lied „Wonderwall“ von Oasis. Dieses Lied wurde letztendlich zum Song der gesamten Fahrt. Nach einem schönen und lustigen ersten Abend mit vielen weiteren Karaokeauftritten schliefen alle gut in ihren Betten mit dem Gedanken, dass dies wohl fürs erste die letzte Nacht in einer warmen und weichen Schlafgelegenheit sein würde.

 

Im Anschluss an die Fährfahrt erreichten wir am nächsten Tag nach einer vierstündigen Busfahrt, die wir mit dem Erzählen von "Black-Stories", Singen und Schlafen allerdings gut überstanden haben, das Kanucamp „Grunnerud“ in der schwedischen Provinz Värmland.

Nach dem Verstauen der Ausrüstung in Tonnen und Kentersäcken ging es auch schon los:

Sechs Tage ohne wirkliches Bett, Handy und einer richtigen Toilette!

Für die ersten Kilometer Paddeln und die ersten kleinen Anstrengungen wurden wir am Abend nach dem ersten Zeltaufbauen und den ersten Versuchen, etwas Essbares in den Kochern zuzubereiten, mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt. Bei dieser Kulisse bot es sich auch gleich an, das Spiel der gesamten Fahrt zu beginnen.

 

Werwolf! Unsere Spielrunden waren sehr emotional und so entstanden dann auch die neuen Spielfiguren: Die Elche. Sie hatten große entscheidende Auswirkungen auf den Spielverlauf und mussten deswegen immer mit großer Freude von Frau Pollin und Herrn Brede übernommen werden.

Dieses Spiel prägte auch einige herzzerreißende Beziehungen im echten Leben, und glaubt uns, diese Personen werden nie wieder von dieser Rolle befreit werden.

Bei langem Regen saßen wir unter einer Regenplane und begannen das Schnitzen. Und das war dann auch der Anfang vom Ende, denn es dauerte nicht lange, bis das erste Pflaster oder der erste Druckverband mit Dextro Energy benötigt wurden. Eine weitere Todesfalle waren auf jeden Fall die Zeltschnüre, mit denen wir öfter in der Dämmerung Bekanntschaft machten.

Durch die täglichen Kanutouren, die durch wunderschönen Gesang des Liedes „Wonderwall“ von uns begleitet wurden, hatten wir tagsüber fast immer Hunger und sobald man am Lagerplatz ankam und das Zelt aufgebaut hatte, sah man immer jemanden mit seinem Kocher in der kleinen Hütte sitzen und kochen. Und trotzdem aß man nie alleine, sondern meist in einer großen Gruppe mit allen zusammen.

Das Essen war aber besser als erwartet und es war für jeden etwas dabei. Allerdings konnten wir uns das Experimentieren mit den verschiedenen Suppen und anderen Zutaten nicht verkneifen und so entstanden dann auch nur teilweise genießbare Neukreationen.

Wenn jemand etwas nicht mochte, wurde in den einzelnen Kochgruppen getauscht oder in einigen Fällen auch geschnorrt, aber trotzdem hatten alle genug.

Man könnte denken, jeden Tag Kanufahren und Zelt auf- und abbauen wird nach einigen Tagen langweilig. Das war bei uns zu keinem Zeitpunkt der Fall.

Wir hatten immer neue Ideen, womit wir uns beschäftigten. So hatten dann auch einige das erste Rugby-Training und andere saßen einfach am Lagerfeuer, schnitzten oder redeten miteinander.

Bei einer Tagestour waren wir zu einer Sturmpause von knapp 10 Stunden gezwungen, aber auch da konnten wir uns beschäftigen oder saßen einfach mal am Wasser, haben den Wellen und den Vögeln gelauscht und uns einfach für eine Weile, ohne den Alltag im Kopf zu haben, auf die reine Natur konzentriert.

Diese Eindrücke wurden auch durch die Fahrt um 4 Uhr morgens verstärkt, bei der wir einen wunderschönen Sonnenaufgang beobachten konnten.

Das sind die Bilder, die man nicht mehr vergisst und an die man sich immer erinnern wird, wenn man auf diese Tage zurückblickt.

In den letzten Tagen fiel uns auf, was wir alles vermissen werden, sogar das schlechte Wetter, das uns während der Fahrt gar nicht so aufgefallen war. Wir ließen uns nicht davon beeinflussen und haben das Beste daraus gemacht. So haben wir den kältesten Mai seit 200 Jahren in Mittelschweden überstanden.

 

So eine Reise bringt gewisse Umstellungen mit sich. Anfangs vermissten viele von uns ganz bestimmte Dinge: fließendes Wasser, eine Spülmaschine, die warme Dusche und das wurzelfreie Bett. Doch nach einigen Tagen änderte sich die Sichtweise und man dachte an all jenes, was man zurück zu Hause vermissen würde. Die Ruhe - völlig das Zeitgefühl zu verlieren - definitiv die Aussichten - sogar das Essen und natürlich das abendliche Zusammensitzen am selbstgemachten Lagerfeuer.

Bei der Rückfahrt auf der Fähre gab es wieder ein eigenes Bad mit warmem Wasser. In Anbetracht des anstehenden Abendessens tauchte bei manchen schon wieder das erste Luxusproblem auf: Eine Dusche - vier Personen - nur eine Stunde Zeit. Doch auch diese Herausforderung haben alle gut gemeistert und so stand dem Abend nichts mehr im Weg. Das Buffetrestaurant bot sehr leckeres Essen, welches sich stark von der Proviantliste der letzten Woche abhob: Von Salat zu Fisch und Krebs bis hin zu Mousse au Chocolate war für jeden etwas dabei. Doch damit war der Abend noch lange nicht vorbei. Beim Karaoke (oder [ˌkær.iˈəʊ.ki], wie die Schweden es aussprechen) wurde unter Anderem das offizielle Lied der Fahrt ein letztes Mal mit tatkräftiger Unterstützung von Frau Pollin performt und auch danach klang der Abend erst sehr spät, nach jeder Menge Spaß, aus.

 

Am Mittag des nächsten Tages endete unsere Reise am Bahnhof Elmshorn. Es war eine tolle Gruppe, eine wunderschöne Fahrt mit vielen Erfahrungen. Hier wollen wir uns natürlich Herrn Brede und Frau Pollin bedanken, ohne die diese Fahrt nicht möglich geworden wäre.

 

In dieser Woche haben wir fürs Leben gelernt, nicht für die Schule.

 

Marie H. (E2.b), Katharina F., Lilli W. (E2.e)